Studium

Studium-Start trotz Corona

Lesedauer: 8 min

Neue Stadt, neue Freunde, neuer Lebensabschnitt: Studieren ist für viele der erste Schritt in die Unabhängigkeit. Doch die Corona-Pandemie bringt einiges durcheinander. Wie dein Start trotzdem klappt und was du jetzt wissen musst.

Ein Artikel von Denis Dworatschek

Nur mit Maske
Nathalie Schneider war noch nicht viel an ihrer Uni in Erlangen und wenn dann nur mit Maske.
© Nathalie Schneider
Nur mit Maske Nur mit Maske

Nathalie Schneider wollte nach dem Abitur erst arbeiten und dann ins Ausland gehen. „Ich habe auch noch gar nicht gewusst, was ich studieren wollte“, sagt die 19-Jährige. Doch dann kam Corona und ihr wurde schnell klar, dass das mit dem Reisen nichts wird. Und so begann sie im Wintersemester 2020/2021 ein Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). „Nur daheim rumsitzen und nichts machen, ist auch keine Lösung“, erklärt Nathalie ihre Entscheidung – ein Start unter erschwerten Bedingungen.

Das bestätigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Gab es im Vorjahr noch rund 430.000 Studierende im ersten Semester, waren es im aktuellen Wintersemester ganze 13.000 weniger. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar: Die Zahlen täuschen. Denn es gibt deutlich mehr deutsche Studienanfänger als 2019 – knapp 5000. Gleichzeitig ist aufgrund der Corona-Pandemie die Zahl der Erstis drastisch gesunken, die aus dem Ausland für ihr Studium zu uns kommen. Und zwar von rund 91.000 auf zuletzt knapp 75.000. Schlussendlich sahen viele Abiturienten es wie Nathalie: Arbeiten und Reisen ging nicht, also lieber studieren als daheim herumzusitzen.

Herausforderung für Lehrende und Studierende

Nach dem ersten reinen digitalen Wintersemester zogen viele Lehrenden ein erstes Fazit. Paula-Irene Villa Braslavsky, Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), berichtete im Februar 2021 dem Magazin „Forschung & Lehre“: „Die Situation hat sich merklich eingespielt, wir haben alle sehr viel gelernt und tun es noch, auch dank des Engagements der Studierenden.“ Die Belastungen der Lehrvorbereitung und -begleitung seien nach wie vor hoch für die Lehrenden. „Wir improvisieren alle recht anarchisch, was auch kreativ und interessant sein kann. Aber die Lehre ist von großer Unsicherheit und einem immensen Aufwand begleitet“, so Villa Braslavsky.

So war es auch bei Nathalie, bevor ihr Wintersemester begann. Denn: „Am Anfang bestand noch die Hoffnung auf Präsenzveranstaltungen.“ Immerhin hatten sich die Corona-Infektionszahlen im Sommer 2020 etwas erholt. Die erste Welle war überstanden, das Leben verlief wieder halbwegs in normalen Bahnen. Geöffnete Cafés, gut besuchte Badeseen oder volle Biergärten waren kein Ding der Unmöglichkeit.

Nathalie kommt aus Friedberg bei Augsburg. Ihr neuer Lebensmittelpunkt lag in Erlangen. Das sind einfach mit dem Zug rund zwei Stunden Fahrt. „Für mich stand trotz Corona früh fest, dass ich hinziehe“, sagt sie. Falls mal ein Problem auftrete oder es ja doch wieder möglich sei, an die Uni oder in die Bibliothek zu gehen. Nur am Wochenende sei sie immer wieder gern nach Hause gefahren.

Die 19-Jährige hat sich für den Studiengang „Politikwissenschaften und öffentliches Recht“ entschieden. Der Campus ist über die gesamte Stadt verteilt. Viel von Erlangen hat sie bisher noch nicht gesehen. „Es ist aber eine schnuckelige Stadt“, erzählt Nathalie, die in einer Dreier-WG wohnt. „Das war kein Studienstart, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Die Einführungswoche für die Studienanfänger mit Tipps und Tricks fand online statt. Coole Aktivitäten wie eine Stadtführung oder ein Kneipen-Abend zum Kennenlernen der Kommilitoninnen und Kommilitonen sind komplett weggefallen.

Viele offene Fragen und kaum sozialer Kontakt

Nathalie stand aber auch vor vielen offenen Fragen am Anfang ihres Studiums: „Wie melde ich mich bei den Kursen an?“ oder „Wie erstelle ich meinen Stundenplan?“ waren nur einige davon. „Man kannte auch niemand“, sagt die Studentin. Sie selbst beschreibt sich als offenen Menschen. „Die ersten zwei Monate gab es kaum bis gar keinen Austausch mit anderen Studierenden“, erzählt sie. Einzig in den Online-Tutorien wurde man ab und zu in kleine Gruppen aufgeteilt. Dadurch habe sie ein paar Mitstudierende kennengelernt. Doch: „Es stand immer noch eine Distanz zwischen einem, die man nicht so leicht überwinden konnte.“

Viele Studierende starten mit einem digitalen Semester. Sie lernen ihre Kommilitonen nicht persönlich kennen. Was macht das mit der Psyche der Studierenden? Dr. Gundula Stoll, Direktorin für Studium und Lehre am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Uni Tübingen, sagt: „Die aktuelle Situation ist für alle eine besondere Herausforderung.“ Das Kontakteknüpfen, das zu Beginn eines Studiums besonders wichtig sei, sei einfach nicht wie sonst möglich. „Wir versuchen diese Lücke durch zusätzliche Angebote zu kompensieren“, erklärt Stoll. Der persönliche Kontakt, der gerade für spätere Freundschaften essenziell sei, ließe sich sicher nur in Teilen ersetzen. „Aber mein Eindruck aus den persönlichen Gesprächen mit unseren Erstsemestern war, dass sie den Start ins digitale Studium trotz der erschwerten Bedingungen ganz gut gemeistert haben.“

Zu dieser Erkenntnis ist auch Nathalie gekommen. Allgemein würde man die Leute nämliche anders kennenlernen. Mit einer Kommilitonin habe sie sich regelmäßig über Online-Videokonferenzen via Zoom getroffen. „Wir haben in der Prüfungsphase auch so miteinander gelernt und uns sogar einmal zum Spazierengehen verabredet“, sagt Nathalie. Aber im Großen und Ganzen fehlen die sozialen Kontakte. Doch dafür habe das Studium an sich gut funktioniert. „Da auch die Hobbys weggefallen sind, habe ich mich viel mehr mit den Studieninhalten beschäftigt“, so die 19-Jährige.

Prüfungen am heimischen Schreibtisch

Allgemein ist Nathalie mit dem Lernstoff gut klargekommen – doch das sei sehr Studienfach abhängig. So hat sie zwei ehemalige Mitschüler, die ein Medizinstudium begonnen haben. „Für die war das alles sehr schwierig und auch nicht so spannend“, sagt Nathalie. In einem geisteswissenschaftlichen Fach wie Politikwissenschaften seien digitale Kurse oder Vorlesungen kein großes Hindernis. Anders sieht es eben bei Fächern wie Chemie oder Medizin aus. Doch wie funktionieren eigentlich Klausuren in Zeiten von Corona?

App-Tipps: Für den besseren Studiumstart trotz Corona

So findest du Anschluss, auch wenn es Kontaktbeschränkungen gibt:

Jodel: Die Social-Media App bietet seinen Nutzern die Möglichkeit, kurze Textbeiträge (Jodel), Fotos oder Kommentare zu veröffentlichen – vollkommen anonym. Durch ein „up or down vote“-Bewertungssystem werden unbeliebte Inhalte gefiltert. Gedacht war „Jodel“ für junge Erwachsene. Besonders Studierende gehören zu den Nutzern der App. Schnell und einfach können so Fragen geklärt werden, wie „Wo ist ein guter Hausarzt?“ oder „Was haltet ihr von Professor xy?“.

Discord: Durch e-Sport und die Gaming-Szene ist Discord bekannt geworden. Mittlerweile hat der Messaging Dienst über 250 Millionen Nutzer. Man trifft sich zum Quatschen, Kennenlernen, Spielen, Streamen – per Chat, per Video oder Nur-Audio. Es gibt verschiedenste Themenkanäle und Chatrooms, die man selbst einrichten kann oder die bereits eingerichtet sind.

Houseparty: Kam bereits 2016 auf den Markt, den Durchbruch schaffte die App jedoch erst im Corona Jahr 2020. Als der Lockdown den realen Kontakt zu Freunden und Familie erschwerte, bot „Houseparty“ die Möglichkeit, sich per Videochat mit Freunden zu treffen. Das Besondere an der App ist, dass integrierte Spiele einen witzigen Verlauf des Abends fördern.

 

Nathalie hatte Prüfungen nach dem Open-Book-Prinzip. Sie konnte die Klausur am heimischen Schreibtisch und an ihrem PC ablegen. „Es waren auch Hilfsmittel wie Notizen oder Lernunterlagen erlaubt, doch die Hilfe von Dritten war verboten“, erklärt sie. Auch die Webcam blieb während der ganzen Prüfung an. „Es musste auch einmal ein Essay geschrieben werden“, sagt die 19-Jährige. Das alles habe den Druck aus den Prüfungen genommen und gleichzeitig fühlte sich alles näher an der realen Arbeitswelt an.

Keine Besserung in Sicht

Auch für das Sommersemester standen die Vorzeichen auf Online-Vorlesungen. „200 Leute im Hörsaal geht halt gerade nicht“, sagt Nathalie. Dafür gab es Zoom-Meetings mit 100 Studierenden, von denen sie niemand kannte. Und auch der Kontakt zu den Tutoren habe gefehlt. „Die Hemmschwelle, nach Hilfe zu bitten, war groß“, gibt Nathalie zu. Freizeit haben, weggehen, kennenlernen oder einfach einmal in die Bibliothek oder Caféte gehen, das alles habe gefehlt. Doch: „Auf der anderen Seite kann man als Ersti das nicht mit einem normalen Semester vergleichen, weil man es eben nicht anders kennt“, sagt Nathalie.

Sie habe von mehreren Mitstudierenden gehört, dass ihnen das Studium so nicht gefällt – auch wenn an der FAU alles versucht wurde, um den Uni-Start so angenehm wie möglich zu machen. So habe die Teilnehmerzahl in den Online-Vorlesungen stetig abgenommen. Manche haben einfach den Willen verloren.

Das habe auch Professorin Paula-Irene Villa Braslavsky von der LMU bei ihren Kollegen beobachtet: „Insgesamt merke ich, dass die Studierenden, wie wir Lehrenden zum Teil auch, ziemlich frustriert und erschöpft sind.“ So sei sie zu dem Ergebnis gekommen, dass viele Studierende gemeinsam mit anderen denken und diskutieren wollten. „Sie wollen direktes Feedback und direkte Ansagen von mir. Sie wollen aber auch die Möglichkeit, in Ruhe Dinge nachzulernen, zu vertiefen“, sagt die Dozentin. Immerhin habe sie mehr Lehrmaterial wie Texte, Studien oder Statistiken online gestellt als in der analogen Lehre.

Wie geht der richtige Studiumstart trotz Corona

Doch wenn die 19-Jährige auf ihr erstes Semester zurückschaut, klingt sie sehr positiv: „Ich habe Spaß an meinem Studium. Und ich werde weitermachen.“ Was rät sie also anderen Erstis, die vielleicht im kommenden Wintersemester vor demselben Problem stehen? Nathalie ist einiges bewusst geworden: „Auf jeden Fall solltet ihr die Eigeninitiative ergreifen und die Leute einfach anschreiben.“ Gemeinsames Lernen sei ebenfalls praktisch, um mit den anderen Erstis in Kontakt zu kommen. „Zur Not seine Tutoren anschreiben, die sind alle sehr hilfsbereit“, sagt sie. Grundsätzlich sollte man keine Angst haben sich auszuprobieren. „Ein Studium kann man notfalls immer noch abbrechen, was kein Beinbruch ist“, so Nathalie.

In Tübingen sieht man das ähnlich. „Auch wenn keine Präsenzlehre stattfindet, kann man sich gut mit anderen Studierenden vernetzen“, sagt Dr. Gundula Stoll. Diese Gelegenheiten müsse man allerdings aktiv suchen und nutzen. „Um das zu unterstützen, haben wir gemeinsam mit unserer Fachschaft ein Buddy-Programm ins Leben gerufen“, erklärt sie. Studierende des dritten Semesters wurden zu persönlichen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern für die neuen Studierenden.

In Gruppen unterstützten und begleiteten sie die Erstis bei ihrem Start ins Studium. „Ich glaube, das Programm hat sehr dazu beigetragen, dass der Einstieg ins Studium trotz digitaler Lehre erfolgreich gelungen ist“, sagt Stoll. Trotzdem hoffen alle, dass bald wieder ein „normales“ Studieren möglich ist.

Digitales Semester: Studium von Zuhause

Fünf Tipps, die dir im Studierendenalltag helfen – trotz Einschränkungen:

Die Deadline-Gefahr: Informiere dich genau und versichere dich lieber einmal zu viel als zu wenig, damit du keine wichtige Frist verpasst. Am besten schreibst du die Deadlines auf einen Notizzettel und platzierst diesen gut sichtbar an deinem Schreibtisch. Setze dir Erinnerungen auf deinem Handy!

Motivation: Wenn die Bibliothek geschlossen hat und keine Lerngruppe zur Verfügung steht, dann brauchst du meist die doppelte Portion an Motivation, um dich daheim an dein Skript zu setzen. Setze dir am besten feste Lernzeiten und halte diese so genau wie möglich ein.

Einsamkeit: Gerade als Erstsemester in einer neuen Stadt spürt man schnell das Alleinsein. Eine Glücksstudie hat gezeigt, dass unsere Beziehungen zu anderen Menschen am wichtigsten für unsere Lebenszufriedenheit sind. Vernetze dich also mit deinen Mitstudierenden und ergreife auch einmal die Initiative, wenn du noch niemanden kennst. Die meisten Lernplattformen bieten die Möglichkeit, eine Diskussion zu eröffnen oder private Nachrichten zu schreiben.

Das Lotterleben: Die Jogginghose und du seid seit dem digitalen Semester beste Freunde geworden? Das Lotterleben ist ja schön und gut, aber spätestens, wenn es deine Stimmung drückt, solltest du gegensteuern. Mach klar Schiff in deiner Wohnung oder deinem WG-Zimmer und du wirst direkt besser lernen können! Natürlich solltest du nicht drei Tage vor der Klausur mit dem Frühjahrsputz anfangen.

Zu viel wollen: Viele Studierende überschätzen die gesparte Zeit, die sich durch das Online Studium ergibt. Ja, du musst nicht zur Uni fahren und das Seminar um 16 Uhr am Freitag ist auch nicht schlimm, wenn du schon Zuhause bist. Übernimm dich trotzdem nicht!
Quelle: thesius.de