Nach dem Abi ins Ausland

Alternativen zum Auslandsaufenthalt in Zeiten von Corona

Lesedauer: 6 min

Grenzen werden geschlossen, Länder und Städte zu Risikogebieten erklärt: Die Corona-Pandemie lässt den Traum vom Auslandsaufenthalt nach dem Abitur bei vielen Schülern platzen. Doch andere Kulturen lassen sich auch von Deutschland aus kennenlernen.


Eintauchen in die bolivianische Kultur
Eintauchen in die bolivianische Kultur
Fremde Kulturen lassen sich auch von Deutschland aus kennenlernen.
© Felix Groteloh
Eintauchen in die bolivianische Kultur
© Felix Groteloh
Fremde Kulturen lassen sich auch von Deutschland aus kennenlernen.
Eintauchen in die bolivianische Kultur

25 Prozent der Schüler gaben im Rahmen einer Umfrage 2020 an, ihre Auslandspläne zu ändern und stattdessen gleich mit Ausbildung oder Studium zu starten. Doch ganz auf interkulturelle Erfahrungen verzichten? Das muss nicht sein. Auch in Deutschland bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, andere Kulturen kennenzulernen. Das kann für die berufliche Zukunft durchaus wichtig sein. Immerhin agieren fast alle größeren Unternehmen heute in einem internationalen Umfeld – mit Dienstleistern, Kunden, Geschäftspartnern und Kollegen.

Auch wenn Corona dafür sorgt, dass vermehrt vom Schreibtisch aus kommuniziert wird, sollten Sprachkenntnisse und kulturelle Hintergründe bekannt sein. Also: Warum nicht einfach in Deutschland die Sprachen und Sitten anderer Länder kennenlernen und dabei auch noch einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten?

Fahrradfahren mit geflüchteten Frauen

Für viele Menschen hierzulande ist das Rad ein wichtiges Fortbewegungsmittel. Immerhin 65 Prozent der Deutschen fahren mindestens ein- mal im Monat Fahrrad. In anderen Ländern fehlt es dagegen an Infrastruktur und im Iran oder in Saudi-Arabien ist für Frauen das Radfahren sogar verboten. Bike Bridge, ein in Freiburg gegründeter Verein, will daher Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte das Radfahren beibringen.

Gregor Falter arbeitet dort hauptamtlich in der Koordination neuer Standorte. „Fahrradfahren ist für uns selbstverständlich, für viele geflüchtete Frauen nicht. Kern unserer Arbeit sind daher sogenannte Bike & Belong Fahrradkurse, in denen ehrenamtlich engagierte Frauen gemeinsam mit den Frauen mit Fluchtgeschichte das Fahrradfahren trainieren“, erzählt er. Bike Bridge ist mittlerweile auch in anderen Städten wie Hamburg und Frankfurt vertreten, Köln, München und Berlin sollen folgen. „Es geht uns vor allem um mehr Toleranz und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft“, sagt Gregor.

Die Kurse richten sich ausschließlich an Frauen und Mädchen als Trainerinnen und Teilnehmerinnen. Vorerfahrungen als Trainerin braucht es dazu nicht, alles Notwendige organisiert Bike Bridge. Der Verein bietet zudem Kochabende und Reparaturworkshops an, alles kostenfrei. Freiwillige – auch männliche – sind hier immer gefragt.

Eintauchen in die bolivianische Kultur 

Mit 16 Jahren war Lea Burkhardt zum ersten Mal in Bolivien, nach dem Abitur dann nochmal. Dabei hat sie die Kultur kennen und lieben gelernt. „Während des Studiums in Deutschland habe ich diese Zeit total vermisst“, erinnert sich Lea. Übers Internet hat sie den deutschlandweit aktiven Verein Bolivien Netz gefunden – und ist nun seit zwei Jahren dort im Vorstand.

Bei regelmäßigen Treffen wird der Austausch zwischen Deutschen und hier lebenden Bolivianern gefördert, dabei wird auch viel Spanisch gesprochen. „Wir bereiten auch Schüler und Jugendliche darauf vor, die nach Bolivien gehen und etwa einen Freiwilligendienst machen wollen“, erzählt Lea. Wer aktuell nicht nach Bolivien reisen kann oder will, kann sich derweil in anderen Projekten des Vereins engagieren. Zum Beispiel bei der Gestaltung eines Kalenders, mit dessen Verkauf Spenden gesammelt werden. „Wir sind immer auf der Suche nach Leuten, die ihre Kenntnisse bei uns einbringen.“

Hand in Hand mit freiwilligen aus aller Welt

1992 startete der VIA e.V. mit einem Austauschprogramm für Studierende in St. Petersburg und Moskau. Heute organisiert der Verein für internationalen und interkulturellen Austausch Freiwilligenarbeit in aller Welt – und holt auch Freiwillige nach Deutschland. „Weil ich Französisch konnte, habe ich damals für den Verein Einsatzstellen in Frankreich gesucht“, erzählt Christina Schulte, die heute Geschäftsführerin von VIA ist.

In Seminaren bereitet der Verein Jugendliche auf die Freiwilligendienste im Ausland vor. „Uns ist wichtig, dass man Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen entdeckt und über die Unterschiede spricht, ohne sie zu bewerten.“ Das geht auch zu Corona-Zeiten – nur eben anders. Zwei Jugendliche, die aktuell nicht ausreisen können, arbeiten etwa mit internationalen Freiwilligen in einer Schule für Kinder mit Behinderung.

Und eine Kinderkunstschule in Kirgistan, mit der der Verein zusammenarbeitet, organisiert über WhatsApp erste Deutsch- und Englischkurse oder sogar Tanzkurse mit den Freiwilligen, die noch in Deutschland sind.

Unsere Tipps

Weitere Möglichkeiten für interkulturelle Erfahrungen in Deutschland

> Sprachtandems:

Du hilfst jemand anderem dabei, Deutsch zu lernen und lernst dafür seine Sprache. Je nach Sprachlevel, Region und Zeit hast du hier eine große Auswahl an potenziellen Tandems. Online kannst du den richtigen Partner finden: www.tandempartners.org/

> Flüchtlingspatenschaften:

Du betreust einen geflüchteten Menschen und hilfst ihm, unsere Kultur kennenzulernen. Im Gegenzug wirst du jede Menge über seine Kultur erfahren. Um eine Patenschaft zu finden, informiere dich am besten bei deiner Stadt oder hier: www.chancenpatenschaften.de

> Studierendenorganisation:

An vielen Unis gibt es Organisationen, die sich um den internationalen Austausch kümmern. An 35 Standorten in Deutschland ist etwa AIESEC vertreten. Hier kannst du dich engagieren und den internationalen Austausch der Studierenden unterstützen: www.aiesec.de 

Die Autorin
Nina Probst

Von Laufen über Klettern bis hin zu Eishockey, Nina ist eine Sportskanone. Neben dem Sport gehört auch das Texten zu ihrer Leidenschaft. Die hat sie auch zu ihrem Beruf gemacht und ist nun als freie Texterin tätig.