VIP-Interview

Ranga Yogeshwar: „Hör auf dein Herz bei der Studienwahl!“

Lesedauer: 5 min

Er ist ein wahrer Tausendsassa: der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Im exklusiven Interview mit dem Traumberuf Magazin verrät er, wie das Arbeiten in der Zukunft aussieht und worauf junge Menschen bei der Wahl ihres Studienfachs achten sollten.

Ranga Yogeshwar
Ranga Yogeshwar
studierte Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik.
© picture alliance/dpa | Matthias Balk
© picture alliance/dpa | Matthias Balk
Ranga Yogeshwar
studierte Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik.
Ranga Yogeshwar

Herr Yogeshwar, welche Studiengänge werden in Zukunft auch mit Blick auf die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) immer wichtiger?

Yogeshwar: Es ist sehr schwer, wenn ältere Menschen Tipps für die Zukunft geben. Der Vater einer meiner Freunde sagte immer: "Junge, studier‘ Bergbau, das ist was Solides." Zum Glück hat mein Freund es dann nicht studiert. Sonst hätte er jetzt ein Problem. Aktuell ist es so, dass die Welt sich in schnellem Tempo verändert. Präzise Berufsbilder sind schwer zu antizipieren. Man kann aber sagen, dass es wichtig ist, Fähigkeiten zu erlernen.

Die da wären?

Ich denke etwa an das analytische Denken und an bestimmte technische sowie wissenschaftliche Kompetenzen. Das Denken wird uns auch von der KI nicht abgenommen. Kritisch wird es bei der Wahl des Studienfachs vor allem dann, wenn man zu eng denkt. Generell sollte man etwas studieren, was einem Spaß macht. Oft ist es dann auch so, dass Menschen nach dem Studium etwas anderes machen. Ich bin ein lebendes Beispiel dafür. Ich habe Elementarteilchenphysik studiert, bin aber nicht in der Physik geblieben – was übrigens für 80 Prozent der heutigen Physik-Absolventen gilt.

Nichtsdestotrotz sind die Jobaussichten für Physiker sehr gut. Ist denn ein Studium außerhalb des MINT-Bereichs überhaupt noch zu empfehlen?

Unbedingt. Denn man ist nicht gut bedient, wenn man das studiert, was aus heutiger Sicht angeblich eine gute berufliche Zukunft bringt. Man sollte das studieren, was einem innerlich zusagt. Menschen, die das nicht tun, werden auf Dauer unglücklich. Mein Rat ist deshalb: Horche in dich rein und frage dich, was dich am meisten interessiert.

Sollte man sich nicht trotzdem fragen, welche Berufe mehr Zukunft haben als andere?

Ja, natürlich. Aber ein Studium ist mehr als nur der fachliche Inhalt. Es geht in der Zeit nach dem Abitur auch darum, dass ein Mensch reift und dabei lernt, alleine zurechtzukommen. Darunter fallen scheinbar banale Dinge, wie die Wäsche selbst zu machen. Und man muss sehen, dass im Beruf dann quasi nochmals ein zweites Studium dazukommt, bei dem man dann in der Praxis weiterlernt.

Ranga Yogeshwar

Geboren: 1959 in Luxemburg

Studium: Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik

Berufliche Stationen: Schweizer Institut für Nuklearforschung (SIN), CERN in Genf und Forschungszentrum Jülich

Journalistische Tätigkeit: seit 1983

Ab 1987 als Redakteur für den WDR tätig und moderierte u.a. „Quarks & Co“.

Seit 2008 unabhängiger Journalist und Autor

Privates: Ranga Yogeshwar ist Vater von vier Kindern und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Köln.

Können Sie Abiturientinnen raten, etwas Technisches zu studieren?

Absolut. Meine älteste Tochter hat Maschinenbau studiert. An diesem Studium ist heute nichts Testosterongesteuertes mehr. In einem Praktikum hatte sie sogar einen Vorteil, weil sie geduldig und sehr gewissenhaft vorgegangen ist, während die Jungs etwas zu ungeduldig und zu schnell an der Drehbank waren.

In der Industrie wird immer mehr automatisiert. Wird die Maschinenbau-Ingenieurin der Zukunft deshalb auch Informatikerin sein, weil sie die Automation schon mitdenkt?

Wir werden alle ein bisschen Informatiker sein. Digitalisierung ist heute alltäglich geworden, die jungen Leute wachsen damit auf. Das ist inzwischen eine Kernkompetenz. Obwohl Mathematik in unserer digitalisierten Zeit auch eine Schlüsselkompetenz ist, wenden sich viele junge Leute davon ab.

Woran liegt das?

Das kann entweder mit mangelndem innerem Interesse zu tun haben. Es liegt aber sicher auch daran, dass die Art und Weise, wie wir Unterricht machen, zum Teil unterirdisch ist.

Woran machen Sie das fest?

Nun, das Schulsystem basiert auf Prinzipien aus dem 19. Jahrhundert, auf dem preußischen System mit Disziplin und Gleichschritt. Das ist nicht förderlich für das selbstständige Lernen, das gerade auch im Berufsleben immer wichtiger wird. Und obwohl wir von PISA und anderen Tests wissen, dass unser Schulsystem keine guten Ergebnisse bringt, ändern wir in Deutschland nichts daran. Mein Appell ist daher ganz klar, den Unterricht in unserem Schulsystem moderner und kreativer zu gestalten.

Lassen Sie uns weg von der Schulbank nochmals auf die Wahl des konkreten Studienfachs blicken. Halten Sie es für zu eng, zum Beispiel ein Fach im Bereich der Erneuerbaren Energien zu studieren?

Ich glaube, auch in diesem scheinbar engen Fach steckt eine breite Palette an Möglichkeiten. Da spielt die Elektronik ebenso eine wichtige Rolle wie Festkörperphysik und Geographie oder Regelungstechnik. In diesem Feld sind viele Disziplinen vertreten. Wenn ich Spaß daran habe, wird da für mich auch etwas entstehen. Mein Schwiegersohn arbeitet zum Beispiel in diesem Bereich. Er hat zwar promoviert im Maschinenbau, aber er ist tätig im Feld der Batterieforschung. Heute beschäftigt er sich mit großen Simulationen zur Frage, wie der Strommarkt und der Strompreis sich entwickeln werden. Man sieht also, dass man wegen der vielfältigen Anwendungsgebiete im Bereich der Erneuerbaren Energien breit aufgestellt ist.

Es ist auch spürbar, dass diese Sparte eine hohe Dynamik hat.

Richtig. Und am wichtigsten ist es zu wissen, dass wir heute nicht am Ende aller Innovationen angekommen sind. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird ganz viel Neues dazukommen, von dem wir heute noch nichts ahnen. Es ist deshalb entscheidend, dass wir uns die Lernfähigkeit bewahren. Das ist für uns Individuen von Bedeutung, aber auch für die Gesellschaft und die Wirtschaft insgesamt. Es geht darum, immer die Chancen im Neuen erkennen.

Darin scheinen uns andere Länder voraus sein.

Definitiv. Ich bin ja von Haus aus Luxemburger. Wenn ich beispielsweise an Smart Meters, also intelligente Stromzähler, denke, ist die Abdeckung in Luxemburg bereits bei 100 Prozent. Hier in Deutschland muss man sie noch suchen.

Können junge Leute trotzdem nach dem Abi auch hierzulande ihre Träume verwirklichen?

Absolut. Ich sage den jungen Menschen: Versuch, offen zu bleiben. Trau dich! Wir leben in der besten Zeit, die es je gab für Menschen, die gute Ideen haben. Denn heute kann man kreativ sein und dabei mühelos neue Technologien oder Produkte entwickeln. Und man kann damit erfolgreich sein. Es geht deshalb darum, den Mut zu haben, Dinge auch auszuprobieren. Wir sind in einer Zeit des Wandels, in der vieles, was vorher stabil und lange unveränderlich war, sich auflöst. Das ist jetzt die Zeit der Kreativen.

Manchen macht der Wandel, insbesondere die Veränderungen durch die KI, auch Angst. Sehen Sie in der KI mehr Chancen oder Risiken für den Arbeitsmarkt?

(lacht) Zum einen ist es so, dass ich in den vielen Interviews, die ich führe, interessanterweise immer in Deutschland die Assoziation von Künstlicher Intelligenz und Angst höre. In anderen Ländern ist das nicht der Fall. Künstliche Intelligenz wird in einigen Bereichen total spannend werden, in anderen Bereichen überschätzen wir sie auch. Es geht aber nicht darum, den Menschen durch KI hinauszuwerfen, sondern darum, wie der Mensch die KI nutzt. Denn unbestritten ist, dass sie zu einer unverzichtbaren Fähigkeit im Berufsleben werden wird.

Entwickelt sich diese Fähigkeit automatisch oder muss sie gelehrt werden?

Beides. Auf der einen Seite sozialisiert sich die junge Generation im Digitalen. Auf der anderen Seite gibt es einen Unterschied zwischen dem User und demjenigen, der die digitale Welt tiefer versteht und gestaltet. Zudem müssen wir uns bewusst machen, dass wir heute nicht mehr im klassischen Sinne einen Abschluss machen und danach für immer fertig sind. Es ist immer stärker ein ständiges Lernen und Erlernen gefordert. Daher gilt es, offen zu bleiben und sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen – und zwar auch nach dem eigentlichen Studium.

"Generell sollte man etwas studieren, was einem Spaß macht. Oft ist es dann auch so, dass Menschen nach dem Studium etwas anderes machen. Ich bin ein lebendes Beispiel dafür."

Ranga Yogeshwar, Physiker und Wissenschaftsjournalist.

Von der KI zur Informatik: Deren Absolventen sind sehr gefragt. Können Sie absehen, ob dieser Trend je nachlassen wird?

Die Informatik ist ein weites Feld. Wenn jemand als Coder rein in gewissen Sprachen programmiert, wird ihm hier die KI in Zukunft möglicherweise einiges an kleinteiliger Arbeit abnehmen. Wenn es aber um Konzepte und gute Gedanken geht, werden wir da weiterhin Bedarf haben. Auch hier gilt: Wer dafür brennt, soll es machen. Für Informatik brauchen wir Zahlen.

Also doch: Mut zur Mathematik?

Ich würde eher sagen: Freude an der Mathematik.

Worauf kommt es bei der Wahl des Studienfachs denn nun an?

Hör auf dein Herz. Wenn du an einen Beruf denkst, weißt du jetzt noch nicht, was er genau beinhaltet. In vielen Bereichen unterscheidet sich ein Studium von dem, was wir in der Schule an Fächern hatten. Stell dir die Frage, was dich reizt und worauf du Lust hast! Studiere nicht etwas, weil andere dir sagen, du musst das studieren! Entwickle lieber deine Leidenschaft und schau nach links und rechts! Hab keine Angst davor, dich zu entscheiden! Denn mit der Wahl des Studienfachs entscheidest du nicht über dein Leben.

Erneuerbare Energien

Voraussetzung: Abitur oder Fachabitur (für Fachhochschule)

Zulassungsbeschränkung: meist zulassungsfrei

Wichtig: gute Mathematik-, Physik- und Chemiekenntnisse

Top-Unis: Hochschule Trier, Technische Hochschule Ingolstadt, Technische Hochschule Köln

Einstiegsgehalt: ab 47.189 €

 

Bildcredit: picture alliance / Westend61 | Alena Kuznetsova

Informatik

Voraussetzung: Abitur oder Fachabitur (für Fachhochschule)

Zulassungsbeschränkung: Numerus Clausus, teilweise aber auch zulassungsfrei

Sonstiges: Eignungstests und Motivationsschreiben sind üblich

Top-Unis: Technische Universität München, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, Technische Universität Berlin 

Einstiegsgehalt: ab 45.709 €

 

Bildcredit: iStock/SeventyFour

Maschinenbau

Voraussetzung: Abitur oder Fachabitur (für Fachhochschule)

Zulassungsbeschränkung: üblicher Numerus Clausus 2,5 - zum Teil zulassungsfrei

Wichtig: gute Mathematik-, Physik- und Informatikkenntnisse

Sonstiges: Aufnahmeprüfungen sind üblich

Top-Unis: Universität Ulm, Karlsruher Institut für Technologie, Albert- Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Einstiegsgehalt: ab 49.146 €

 

Bildcredit: iStock

Bildcredit: iStock/monkeybusinessimages

Mathematik

Voraussetzung: Abitur

Keine Zulassungsbeschränkung

Von Vorteil: Freude an der Mathematik und Begabung

Top-Unis: Technische Universität München, Karlsruher Institut für Technologie, Rheinisch- Westfälische Technische Hochschule Aachen

Einstiegsgehalt: ab 57.514 €

Physik

Voraussetzung: Abitur

Zulassungsbeschränkung: meist zulassungsfrei

Wichtig: gute Mathematikkenntnisse

Top-Unis: Technische Universität München,Medizinische Hochschule Hannover, Ludwig-Maximilians-Universität München

Einstiegsgehalt: ab 64.415 €